Das Rheinmonster

DAS RHEINMONSTER

English version here.

Copyright 2020 Clemens P. Suter

„Großvater, Großvater!“ Die beiden Jungen stürmten in die Küche und warfen ihre Schultaschen in die Ecke. Der alte Hans wachte erschrocken auf, seine Pfeife noch im Mund. Schuldbewusst blickte er in Richtung des Holzofens, wo seine Tochter Annie, die Mutter von Hans Junior und dem kleinen Fritz, das Mittagsessen zubereitete. Aber da sie die Kohlsuppe umrührte, hatte sie ihm den Rücken zugedreht, und nicht bemerkt, dass er eingeschlafen war.

„Ja, meine Kinder, willkommen zu Hause. Wie war es in der Schule?“

Fritz war der erste, der Jacke und Schuhe auszog und sich seine Hausschuhe überstreifte. „Großvater, erzähle uns die Geschichte! Die Geschichte vom Monster. Du hast es heute Morgen versprochen!“

Hans lächelte in seinen Bart. Mit Sicherheit hatten die beiden Jungen heute in der Schule nicht viel gelernt. Sie waren zu gespannt, seine Geschichte zu hören. Jetzt kuschelte sich auch Hans Junior an ihn. „Bitte Großvater!“

„Nun…“, sagte der Senior, „es ist noch etwas Zeit bis zum Mittagesse. Da könnte ich wenigstens anfangen. Aber zuerst musst du noch etwas Holz auf die Flammen werfen. Im Zimmer wird es ein bisschen kalt! Und Fritzi, bring du mir etwas von dem kalten Kaffee. Die Kanne steht direkt neben dem Herd. Und dann kommt her und setzt euch neben mich, jeder auf eine Seite.“

Annie drehte den Kopf zu den dreien: „Habt Ihr mich vergessen?“ Sie lächelte. Die Jungen standen auf, rannten zu ihrer Mutter und küssten sie auf die Wange. Bald prasselte das Feuer im Ofen wieder, und Opa hatte auch seine Tasse Kaffee. Er paffte an seiner Pfeife. „Jetzt lasst mal sehen, wo ich anfange…“

Die Jungen sahen ihn aufmerksam an, ihre Wangen rot von der Winterkälte und Spannung. Die Kerze auf dem Tisch flackerte. „Ah ja,“ begann der alte Mann, „es muss mindestens dreißig, vierzig Jahre her sein…“ Sein Gesicht wurde nachdenklich und ein bisschen traurig, als die Erinnerungen langsam zu ihm zurückkehrten.

Es war ein Dezember gewesen, ein paar Wochen vor Weihnachten. Die Stadt Hockenheim ruhte friedlich in der Ebene des Rheintals. Die Leute gingen ihrem Geschäft nach; Kinder wurden geboren und gingen zur Schule, junge Leute verliebten sich, Paare gründeten Familien und alte Menschen starben. Das Virus, das auf der ganzen Welt so viel Chaos angerichtet hatte, war lange überwunden. Die Wirtschaft hatte sich etwas erholt, und die extremistische Regierung, die der Pandemie gefolgt war, war gestürzt und durch etwas Recht und Ordnung wieder ersetzt worden.

 

Ja, in Hockenheim war alles in Ordnung. Bis zu jener Nacht. Es war an einem Dienstag, daran konnte sich der alte Hans gut erinnern, da er dienstags immer im alten Kirchengebäude Schach spielte. Er war spät heimgekehrt, und seine Frau war schon ins Bett gegangen. Annie, ihr kleines Mädchen, schlief friedlich in ihrem Bett. In dem kleinen Flur des Hauses zog Hans seinen nassen Mantel aus. November und Dezember waren sehr regnerisch gewesen und der Kraichbach war weit über sein Ufer getreten. Glücklicherweise hatte sich der Stadtrat vor vielen Jahrzehnten für ein Wassermanagementprojekt entschieden, das sich nun als sehr vorteilhaft erwies. In Wirklichkeit war der Kraichbach ein kleiner, sich schlängelnder Bach, der Wasser aus den Hügeln im Osten sammelte, durch Hockenheim führte und einige Kilometer nordwestlich in den Rhein mündete.

Hans beschloss, vor dem Schlafengehen einen kleinen Schluck Rotwein zu trinken, und hatte gerade eine Kerze angezündet und sein Glas gefüllt, als ein donnerndes Hämmern an der Haustür ertönte. „Das der mi veräbble wird!“ fluchte Hans, als er zur Tür eilte und sie öffnete. Draußen standen sein Nachbar Roland und ein Polizist. Hans sah die beiden erstaunt an. „Was ist los?“ fragte er.

„Folg uns. Schnell!“ sagte der Polizist. Hans schaute auf ihre Gesichter, die blass und ernst waren. Ja, voller Angst. Er erkannte, dass etwas Schlimmes passiert war. Eilig griff er nach seinem immer noch tropfnassen Mantel, und die Kälte des Kleidungsstücks auf seinen Schultern ließ ihn zittern. Oben fing Annie an zu weinen, und seine Frau rief etwas.

„Alles in Ordnung, Liebling!“, rief Hans. „Es ist Roland… und ein Polizist. Ich werde bald zurück sein.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, trat er aus dem Haus und zog die Tür hinter sich zu. Die beiden Männer waren schon los gelaufen. Sie verließen die Schulstraße, bogen in die Hirschstraße, in die Ottostraße und von dort am Rathaus vorbei in die Marcus-Zeitlerstraße. Mehrere Männer standen vor der Hausnummer 15, Fackeln in den Händen und grimmige Blicke auf ihren Gesichtern. Der Polizist schob sie aus dem Weg, und die drei Männer gingen in ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Eine Frau, die Hans unbekannt war, saß weinend auf einem Stuhl. Ein Mann, vermutlich ihr Ehemann, stand neben ihr und hielt ihre Hand. Auch er hatte Tränen in den Augen. Der Polizist zeigte auf ein Kinderbett. Er sah Hans an und sagte nur ein Wort, als würde es ausreichen, um die gesamte Situation zu erklären.

„Leer!“

Hans spürte einen Schauer über seinen Rücken laufen. Er wusste jetzt, warum ihn die Männer geholt hatten. Der Bürgermeister war nicht in der Stadt, und Hans war stellvertretender Bürgermeister. Eine ehrenamtliche Rolle ohne Bezahlung, aber in solchen Notfällen mit einigen Verantwortlichkeiten. Er schaute von einem zum anderen und inspizierte das Bett genauer. Offensichtlich hatte hier ein Kind geschlafen, ein Mädchen, wie es aussah. Hans trat zur Terrassentür, die zum Garten führte, und berührte das Glas. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht abgeschlossen und schwenkte auf, so dass er und die anderen in den dunklen Garten schauen konnten. Hans sagte nichts und stellte keine Fragen. Stattdessen trat er in den Regen. Der Polizist schaltete seine Taschenlampe ein und folgte ihm. Sie gingen durch das Gras bis sie am Ende des Gartens an eine Wand kamen. Instinktiv beschloss Hans, ihr nach rechts zu folgen bis zu einer Tür, die ebenfalls nicht verschlossen war. Von dort in einen kleinen Durchgang, dem sie folgten. Nach nur wenigen Schritten zog der Polizist Hans am Ärmel. „Schau“, stieß der Mann knapp aus und zeigte auf den Boden vor ihnen. Dort, auf dem roten Sandstein war ein Fußabdruck. Sie bückten sich, um ihn zu inspizieren. Er war so groß wie ein Männerfuß, aber breiter. Die Abdrücke einzelner Zehen waren deutlich sichtbar, aber weit voneinander entfernt und scheinbar durch Häute verbunden. Hans kam sofort zu dem Schluss, dass dieser Fußabdruck nicht der von einem Menschen war. Er sah aus wie der Abdruck eines riesigen Frosches oder einer Amphibie. In der Gasse hing ein seltsamer Geruch von verschmutztem Flusswasser und Blut. Ein Gefühl der Angst überkam die beiden. Sie überprüften ihre Umgebung auf irgendwelche Bewegungen, aber der Besitzer des Fußabdrucks war nicht zu sehen. Eilig suchten die beiden Männer den Rest des Bodens ab, aber sie fanden keine weiteren Fußspuren.

Der Polizist rannte zurück zum Haus, und bald durchsuchten alle verfügbaren Männer die dunkle Stadt bis es im Osten zu dämmern begann. Die Männer hatten das vermisste Mädchen nicht finden können. Aber sie hatten noch einen nassen Fußabdruck und ein Stück vom Nachthemd des Mädchens nahe der Brücke in der Karlsruherstrasse gefunden, die den Kraichbach überquerte.

Annie stellte den schweren Topf mit Kohlsuppe auf den Tisch. „Mittagessen“, rief sie und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus den Augen. „Hol das Brot, Fritzi.“

Die vier ließen sich nieder und aßen wie immer schweigend. Kein Geschichtenerzählen während der Mahlzeiten! Die beiden Kinder sahen den Großvater erwartungsvoll an. Der alte Mann schlürfte seine Suppe und gab vor, die Jungen zu ignorieren. Nach dem Essen wischte er sich die Semmelbrösel vom Bart und stopfte seine Pfeife. Die Jungen legten noch etwas Holz aufs Feuer und Annie fing an, den Abwasch zu machen und die Kochecke zu putzen.

 

Am nächsten Tag war die Stadt in Aufruhr. Die Leute trafen sich an Straßenecken und in den zahlreichen Bäckereien und Friseurgeschäften und spekulierten über die Ereignisse der Nacht. Bald waren sich alle einig, dass ein Monster, ein Wassermonster, für die Entführung des Mädchens verantwortlich war. Niemand schien zu glauben, dass das Mädchen noch lebte; viele Hockenheimer betrachteten Optimismus als Ablenkung. Die nassen Fußabdrücke waren ein klares Zeichen dafür, dass etwas aus dem Fluss gekrochen war, der Fluss der jetzt mit Wasser hochgefüllt war. Der Stadtrat versuchte zusammen mit dem inzwischen zurückgekehrten Bürgermeister die Bevölkerung zu beruhigen, aber ohne Erfolg. Ein Edikt mit einigen einfachen Anweisungen wurde veröffentlicht, einschließlich des Ratschlags, nach Sonnenuntergang drinnen zu bleiben und alle Fenster und Türen im Erdgeschoss verschlossen zu halten. Einige begannen sofort diese Richtlinien zu befolgen. Aber viele entschieden, dass sie unwirksam und sogar unsinnig waren, konnten jedoch keine besseren Maßnahmen anbieten.

Und so verbrachte die Stadt mehrere Tage in Angst. Obwohl die Suche fortgesetzt wurde, fand sich keine weitere Spur des Mädchens. Die Leute wurden skeptischer gegenüber der Theorie, dass ein Wassermonster, dessen Existenz bestenfalls hypothetisch war, tatsächlich der Schuldige gewesen war, und die Wut auf den Stadtrat wuchs. „Ha-noi“, versicherten sie einander, „es ist schwer zu glauben, dass dies ein Monster war. Es war wahrscheinlich ein Perverser, ein Landstreicher von außerhalb der Stadt. Ein Ausländer vielleicht?“

 

Aber fünf Tage später, tief in der Nacht, wurden die Bewohner der Goethestrasse brutal aus dem Schlaf gerissen, als ein schrecklicher Schrei durch die Straßen hallte. Als nächstes waren hämmernde Schritte und aufgeregtes Geschrei zu hören, als die Nachtwache, die der Bürgermeister hartnäckig gegen den Willen des Stadtrats installiert hatte, zur Szene eilte. Die Männer stießen auf Blutflecken und feuchte Fußspuren, die nach Osten führten. Die Männer folgten diesen hastig, Schlagstöcke in ihren Händen. Sie folgten der Karlsruherstrasse, und als sie sich dem Kraichbach näherten, konnten sie in der Ferne eine zusammengekauerte, aber massive Gestalt sehen. Die Gestalt stieg zur Brücke auf. Gegenüber der uralten Statue des Heiligen Nepomuk, dem Beschützer vor Überschwemmungen und Ertrinken, stand sie einige Sekunden lang an der Brüstung, hob die Arme und warf etwas, das wie ein Bündel weißer Kleider aussah, ins Wasser. Es sprang hinterher… und verschwand.

Die Männer der Nachtwache kamen am Tatort an. Sie leuchteten mit ihren Lichtern ins schlammige Wasser. Einige Sekunden lang schien sich ein Körper stromabwärts zu bewegen. Was auch immer es war, es blieb unter der Oberfläche und bewegte sich sehr schnell. Im Dunkel der Nacht machte es offensichtlich keinen Sinn, seiner Route zu folgen.

Stattdessen entdeckten sie entsetzt eines mit Blut bedeckten Nachthemdes und der blutige Fuß eines kleinen Kindes. Einige der Männer wandten sich ab und übergaben sich in den Fluss. Anscheinend hatte sich die Kreatur vor ihrer Rückkehr in den Fluss für einen Snack entschieden… auf jeden Fall hatte das Wassermonster von Hockenheim, wie es jetzt offiziell genannt wurde, sein zweites Opfer gefordert.

Danach war in der Stadt Hockenheim nichts mehr wie vorher. Jeden Tag, sobald die Sonne unterging, gingen selbst die Skeptischsten in ihre Häuser und verriegelten ihre Türen. Viele, besonders die Eltern junger Familien, hatten ihre Fenster vernagelt. Die Stadt sah aus wie eine Geisterstadt. Dies wurde durch die vielen geschlossenen Geschäfte in der Karlsruherstrasse noch verschärft.

 

Aber das Wassermonster kehrte zurück und schaffte es, ein drittes und ein viertes Opfer aus den Häusern zu holen, die nicht gut genug geschützt waren. Die Stadt wurde von einem unsichtbaren, gewaltigen Feind belagert. Unnötig zu erwähnen, dass Weihnachten und die Silvesternacht fast unbemerkt vergingen und in vielen Häusern ohne die traditionelle Weihnachtsgans, Kartoffelsalat und Bockwurst.

Großvater zog an seiner Pfeife. Die Jungen sahen ihn wissbegierig an. „Was geschah als nächstes?“ flüsterte Fritzi.

„Nun“, sagte Hans Senior, „hier kommt Frederick Quicksilber in die Geschichte. Friedrich lebte mit seiner Mutter im Osten der Stadt, in der Nähe des Friedhofs. Ein unglücklicher Menschen, denn Frederick war ein kleiner Kerl, ein Zwerg.“

„Vater!“ rief Annie aus der Spüle, „Du solltest dieses Wort nicht verwenden.“

„Ja, richtig“, sagte Großvater. „Ähm. Lasst es mich so sagen: Friedrich war eine Person mit alternativen Körpermaßen… auf minimalistische Weise. Klug und bescheiden war er, der liebe Friedrich. Aber seine Bemühungen, die Stadt vor dem Monster zu retten, was er auch tat, wären ohne die Hilfe dieser unglaublich dicken Frau nicht möglich gewesen.“

„Vater!“ schrie Annie erneut.

Das Gesicht des Großvaters wurde rot. „Arschkrott“, sagte er leise und blies aufgeregt Rauch aus seiner Pfeife. „Wie kann ich das sagen… diese Frau hatte auch alternative Körpermaße… aber optimiert in Richtung…“, er brummte, „…aber in Richtung eines maximierten Body-Mass-Index.“

„Warum willst du das alles erwähnen, Vater? Kannst du nicht einfach überspringen, wie sie aussahen?“ fragte Annie.

Herrgottnochmal! Es ist einfach wichtig für die Geschichte“, grunzte der Großvater und bemühte sich, sich zu beruhigen. „Jedenfalls hieß diese Frau mit dem maximierten Body-Mass-Index Obesia Guirlande. Obesia lebte allein und war vielleicht etwas älter als Friedrich. Bis dahin kannten sie sich kaum.“

Eines Tages trank Frederick Kaffee in einem alten Café am Ende der Karlsruher Straße, das unter dem Namen Etcetera geführt wurde – ein Name, der „und andere ähnliche Dinge“ bedeutete. Was diese Gegenstände waren oder welchen sie ähnlich waren, wusste kein Hockenheimer. Obesia betrat das Café und wählte den leeren Tisch neben Frederick aus. Bald kamen sie ins Gespräch. Obesia war beeindruckt von Fredericks Humor und Intelligenz. Natürlich wandte sich ihr Gespräch auch dem Wassermonster zu. Wie alle Hockenheimer diskutierten auch sie die offiziellen Maßnahmen und stimmten den meisten von ihnen nicht zu. Friedrich und Obesia trafen sich auch am nächsten Tag und am Tag danach wieder, und zu diesem Zeitpunkt hatte sich in ihren Gedanken der Keim eines Plans entwickelt. Ein Plan, der so gewagt war, dass sie nur mit gedämpften Stimmen darüber sprechen konnten. Die anderen Gäste im Café stupsten sich an, zwinkerten und sagten: „Schau dir nur diese beiden an. Zwei Menschen mit alternativen körperlichen Proportionen, die sich verlieben. Sind sie nicht süß?“ Aber die beiden Verschwörer dachten nicht an Liebe. Inzwischen waren sie überzeugt, dass ihr Plan die schreckliche Kette von Ereignissen stoppen würde.

 

Ein paar Tage später, an einem Mittwoch Mitte Januar, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, hätte eine seltsame Szene jeden Passanten getroffen, der mutig genug war, aus der Stadt in Richtung Rhein zu schlendern. Hier erstreckte sich das flache Land, das der Fluss in Zeiten geschaffen hatte, als er sich noch majestätisch zwischen Odenwald und Pfalz schlängelte, weit und ununterbrochen. Heute folgt der Rhein einem Bett des Ingenieurs Tulla, der den Fluss begradigt hatte, um die Navigation zu verbessern und Überschwemmungen zu reduzieren. Der Kraichbach teilt sich an dieser Stelle in zwei Bäche: den Alten Kraichbach und den Kraichbach selbst. Beide fließen in den nahen und doch in der Ebene versteckten Rhein. Die Rheinbrücke und die tausend Jahre alte Speyerer Dom waren nur für diejenigen sichtbar, die auf den Zehenspitzen standen. Späte Vögel überquerten eilig den Himmel, um rechtzeitig für die Nacht ihre Schlafplätze zu erreichen. Die Fledermäuse fehlten noch. Sie würden erst im Frühjahr wieder erscheinen, um ihre hungrigen Bäuche mit dem Überfluss an Flussmücken zu füllen. Wie zu allen Jahreszeiten wehte nur sehr wenig Wind im Rheintal.

Eine Frau von beträchtlicher Statur schlenderte in einem weißen Kleid, das von einem schwarzen Umhang bedeckt war, auf festen Schuhen, am Wasser entlang. Sie schob einen altmodischen Kinderwagen mit hohen Rädern. Die Abdeckung des Kinderwagens war geschlossen, so dass das Kind im Inneren nicht sichtbar war. Es war aber auch niemand unterwegs, die Hockenheimer hatten bereits ihre Türen, Fenster und Fensterläden geschlossen und verriegelt. Siebefanden sich nun in ihrer Stube,  spärlich beleuchtet von ein paar Kerzen. Seit der letzten Entführung waren vier Nächte vergangen, und in regelmäßigen Abständen wandten sich die gedämpften Gespräche dem Wassermonster zu, meist gefolgt von energischen Versuchen, das Thema zu wechseln.

Die große Frau ging nicht in eine bestimmte Richtung. Stattdessen folgte sie einige Minuten dem Fluss in Richtung Rhein, drehte sich dann um und folgte dem Kraichbach bis zum Altwingertweg wieder zurück. Der Kinderwagen war offensichtlich schwer, denn ihre Wangen waren rosig geworden und sie schnaufte, als sie weiterging. Dies ging eine ganze Weile so. Um neun Uhr abends läutete die weit entfernte Glocke der Pfarrkirche St. Georg.

„Wie lange müssen wir so weitermachen?“ flüsterte die Frau.

Überraschenderweise antwortete aus dem Kinderwagen die Stimme eines Mannes. „Das Monster hat immer in den Stunden um Mitternacht angegriffen.“

„Sind wir dann nicht zu früh?“ flüsterte die Frau und ihre Schritten wurden langsamer.

„Nein! Erinnere dich an unsere Theorie. Wenn wir richtig liegen, schwimmt das Wassermonster stromaufwärts vom Rhein, seiner Heimat. Es braucht dann einige Zeit um nach Hockenheim zu schwimmen. Und dann müsste es noch ein Haus finden, in das es eintreten kann, ein Haus, in dem entweder Fenster oder Türen unverschlossen sind. Nein, meine Berechnungen sagen mir, dass es bald durch den Fluss kommen sollte… wenn es heute Abend zuschlagen will.“

Ha-joh, Frederick, du bist so schlau.“

„Danke, Obesia. Aber ohne dich könnte ich das niemals ausführen! Vielleicht ist es besser, wenn wir jetzt zur zweiten Phase gehen. Was denkst du?“

Obesia sah sich um und stellte den Kinderwagen so nah wie möglich an den Bach. Sie bremste die großen Räder ab und schaffte es nach einigem Fummeln, die Abdeckung abzunehmen. Da war Frederick, ein Kinderkleid aus hellster weißer Baumwolle über seiner normalen Kleidung. Friedrich zwinkerte Obesia zu und legte den Finger an die Lippen: „schhhh!“ Obesia zwinkerte ihm zu und arrangierte sein Kleid so, dass es über die Seiten des Kinderwagens hing. Sie trat zurück und sah sowohl den Bach als auch den Kinderwagen anerkennend an. Dann nahm sie noch einige Anpassungen vor und ging dann, nach einem sanften „Viel Glück!“ zu einer Parkbank, die etwa vierzig Schritte entfernt war. Sie setzte sich und wartete.

Nach dem Regen der letzten Wochen war der Himmel jetzt außergewöhnlich klar. Die Kälte kroch von den Feldern herauf, und die Luftfeuchtigkeit schlug sich auf ihrer Kleidung nieder. Der Mond war aufgegangen. Er schien größer zu sein, als sie sich je erinnern konnte. Mit kaltweißem Licht schien er auf die Szene hinunter. Das einzige Geräusch war der Bach, der langsam an ihnen vorbeizog.

Nach einer Weile bemerkte Obesia, dass sie ihre Augen kaum noch offen halten konnte. Sie war eine Frühaufsteherin, und folglich war dies weit über ihre übliche Zubettgehzeit hinaus. Um ehrlich zu sein, erwartete sie auch nicht, dass das Monster in der ersten Nacht, in der sie Fredericks Plan ausprobierten, auftauchen würde. Es wäre ein zu großer Zufall gewesen. Wie sie besprochen hatten, müssten sie diese Übung wahrscheinlich mehrmals wiederholen; und auch an verschiedenen Orten. Trotzdem war der Ort gut gewählt. Wenn das Monster vom Rhein kam und das Wasser als Route benutzte, musste es genau diesen Punkt passieren. Weiter draußen in der Ebene verzweigte sich der Kraichbach in viele Nebenbäche, die sich entweder wieder vereinigten oder direkt in den Rhein mündeten. Obesia fingerte unter ihrem Umhang. In den breiten Taschen steckten zwei Hammer, für jede Hand einen. Würde Friedrich sein Messer zur Hand haben? Dumme Frage! Frederick hatte ihr die große Klinge gezeigt und wie flink er damit umging. Nein, obwohl er sich in einer äußerst gefährlichen Position befand, hatte sie keine Angst um den kleinen Mann.

Ein einsamer Reiher ging über ihr vorbei; sein Kopf war auf sein unbekanntes Ziel gerichtet. Etwas muss den Vogel gestört haben, da Reiher normalerweise nach Einbruch der Dunkelheit nicht unterwegs waren. War es ein Fuchs oder eine andere Kreatur gewesen? Langsam nickte Obesia ein und sackte seitlich auf der Parkbank zusammen. Einige Zeit verging.

Plötzlich öffnete Obesia die Augen. Sie schaute geradeaus zum Wasser. Nichts war zu hören, doch etwas hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Sie schloss die Augen zu kleinen Schlitzen und blieb zehn, zwanzig, dreißig Sekunden lang still. Dann wurde am Ufer des Flusses eine Form sichtbar. Eine große dunkle Hand kratzte im Gras. Obesia erstarrte vor Angst. Die Hand grub sie sich tiefer in den Boden und der daran befestigte Arm zog einen großen Körper aus dem Wasser. Schließlich tauchte eine starke, tropfende Gestalt am Ufer auf. Sie war höchstens zwanzig Schritte entfernt und zwischen Obesia und ihrem Kinderwagen. Die Gestalt, nackt und schwarzgrün, hatte eine enorme Brust, die von langen, dünnen Beinen getragen wurde. Auch die Arme waren lang und muskulös. Die Kreatur starrte Obesia mit großen blassen Augen an, die unregelmäßig blinzelten. Große kiemenartige Strukturen flatterten auf beiden Seiten des Gesichts.

Das Monster stand still, leicht gebeugt und beobachtete sie schweigend, nur das Tropfen des Wassers von seiner Haut war zu hören. Obesias Herz schlug schneller. Was wäre, wenn das Monster auf sie einschlagen würde? Sie würde nie genug Zeit haben, um die beiden Hammer aus ihrem Kleid zu ziehen. Wilde und ängstliche Gedanken gingen ihr durch den Kopf.

In diesem Moment schrie ein Baby auf. Die Stimme des Kindes, ganz in der Nähe, überraschte Obesia, bis sie bemerkte, dass sie vom Kinderwagen kam. Friedrich! Er hatte die Stimme eines kleinen Kindes nachgeahmt, um das Monster wegzulocken. Mutiger Mann! Sofort verstärkte Obesia den Eindruck, dass sie schlief, indem sie ein starkes Schnarchen imitierte und ihre Brust sichtbar bebte.

Langsam drehte das Monster den Kopf in Richtung des Schreiens und dann zurück nach Obesia… es schien über seine Optionen nachzudenken. Dann ging es auf den Kinderwagen zu, aber rückwärts. Es richtete seine Augen und seine Aufmerksamkeit immer noch auf Obesia. Aber der Trick hatte funktioniert, das Wassermonster hatte entschieden, dass das Kind die leichtere Beute sein würde als diese gigantische Frau.

 

„Vater!“ sagte Annie, die immer noch in der Küche arbeitete. „Das ist nicht politisch korrekt!“  Sie hatte einige Bohnen aus dem Schrank genommen und sie in einen großen Eisentopf mit Wasser geschüttet, damit sie über Nacht einweichen konnten. Morgen würde sie zum Mittagessen eine Bohnensuppe mit einem großen Stück Speck und zusätzlichen Zwiebeln, Lauch und Gewürzen kochen. Der Großvater, der in seine Erzählung vertieft war und einen erhitzten Blick in den Augen hatte, als er versuchte, sich an die dramatischen Ereignisse zu erinnern, ignorierte ihre Bemerkung. Die Jungen waren mit roten Ohren näher zu ihm gerückt, und der kleine Fritzi hatte seine Hand auf dem Bizeps des Großvaters gelegt, als wollte er Schutz suchen.

 

Ja, das Wasserwesen war sich jetzt seiner Taktik sicher. Es würde das Kind aus dem Kinderwagen nehmen, zurück in den Kraichbach springen und sich auf den Weg zu seinem Versteck machen, das sich auf der Rheininsel in der Nähe von Ketsch, der Nachbarstadt, befand. Hier sollte in den nächsten Wochen eines der Eier gelegt werden. „Von Ketsch kam nie etwas Gutes“, sagten viele Hockenheimer gern, und in diesem Fall hatten sie sicherlich Recht. Obwohl die Hockenheimer diese Aussage gern über praktisch alle Städte in der Umgebung machten; solche Leute waren sie.

„Aber bist du nicht selbst aus Hockenheim, Großvater?“ fragte Fritzi unschuldig. Hans Junior wandte den Blick nach oben und befürchtete, dass diese Frage zu einer längeren Unterbrechung führen würde.

„Von Hoggenne, ich?“ erstickte Großvater und sein Gesicht wurde rot. „Nein, ich komme aus Altlussheim. Hockenheim – um Gottes willen, nur der Gedanke!“

„Nun, Papa, es ist doch nur ein paar Kilometer zwischen den beiden Städten…“ warf Annie ein. Schnell intervenierte Hans Junior: „Also hatte die Kreatur vor, ein Ei in Ketsch zu legen, aber was ist vorher passiert, Großvater?“ Diese Strategie funktionierte, da der Großvater nach einigem Zögern seinen Bericht fortsetzte.

 

Das Monster, das immer noch von Wasser tropfte und dessen heißer und schneller Atem in der kalten Luft sichtbar war, hatte den Kinderwagen erreicht und seine Aufmerksamkeit auf das Kind im Inneren gerichtet. Dies war der Moment, auf den Obesia gewartet hatte. Sie öffnete die Augen vollständig und zog mit einer sanften Bewegung die beiden Hammer aus ihrem Umhang und rannte vorwärts, so schnell und leise sie konnte. Auch Friedrich beschloss zu handeln. Das Monster überragte ihn und blockierte das Mondlicht. Friedrich konnte sein böses Geruch wahrnehmen, eine Mischung aus verschmutztem Flusswasser, verfaultem menschlichem Fleisch und noch anderes; genug, um jeden erwachsenen Mann zum Brechen zu bringen.

Das Monster drehte den Kopf zu dem kleinen Mann und Frederick konnte direkt in seine blassgelben Augen schauen, gefüllt mit Hass und Blutdurst.

Frederick drückte den Knopf an seinem Klappmesser und die kraftvolle Feder drückte die lange dünne Klinge nach außen, beschleunigt durch die kraftvolle Bewegung von Fredericks Arm. Er hatte das Messer vor vielen Jahren auf einer Landmesse in Heidelberg gekauft und seitdem fast täglich damit geübt, um es eines Tages in einer bedrohlichen Situation zu benutzen. Dieser Moment war jetzt gekommen.

In diesem Moment drehte das Monster seinen Kopf in Richtung Obesia. Fredericks Klinge ging direkt in den Nacken. „Urghughr!“ schrie das Monster. Grünes Blut spritzte aus seinem Körper. Blitzschnell zog Frederick das Messer zurück und stach wieder zu und erhob sich im Kinderwagen. Obesia stürzte sich auf das Monster, ihre langen Arme nach links und rechts ausgestreckt, die Hammer in ihre Hände. Sie brachte sie jetzt mit Schwung zusammen, und die Hammer krachten zusammen – genau zwischen ihnen befand sich der Kopf des Monsters. Das Tier taumelte und Friedrich stach immer wieder zu, jetzt in Brust und Bauch. Das Monster fiel um, Frederick sprang aus dem Kinderwagen und stand auf das Monster, während Obesias Hammerschlägen auf den Kopf einprasselnden. Einige ihrer Schläge wären tödlich gewesen, aber die Kreatur starb an einem Messerstich in eine der größeren Arterien.

Ruhe kehrte ein. Friedrich und Obesia beugten sich über den leblosen Kadaver. Obesia gab es einen letzten Tritt.

„Du siehst schrecklich aus, Frederick“, sagte sie, „du hast überall grünen Schleim.“

Frederick lachte. „Du solltest dich selbst sehen. Lass uns in die Stadt zurück gehen und es allen erzählen.“ Frederick versuchte sein Messer aus dem Kadaver zu ziehen, aber es steckte so tief in den Knochen, dass er es nicht zurückziehen konnte. „Was auch immer“, sagte er außer Atem und überwältigt von Müdigkeit, „ich kann es morgen holen.“

Sie kamen tief in der Nacht in der Stadt an. Niemand war zu sehen, also beschlossen sie, zu Obesia zu gehen, um sich zu säubern. Obesia zündete ein paar Kerzen in der Küche an und öffnete eine Flasche Rotwein. Friedrich wusch sich den Schleim von seinem Körper. Obesia reinigte sich auch. Dann saßen sie am Küchentisch. Schließlich verschwand die Erschöpfung und ein großes Gefühl des Sieges überkam sie. Viel später, nachdem sie ihren Sieg mehrmals aus verschiedenste Perspektiven nacherzählt hatten, öffneten sie eine zweite Flasche Wein.

Irgendwann entschuldigte sich Obesia und ging ins Badezimmer. „Ooooh, ich fühle mich nicht gut“, stöhnte sie. „All dieser Wein auf meinem armen leeren Magen. Ich habe Krämpfe. Mir ist schwindlig. Ooooh.“ Sie musste ihren Bauch halten.

In ihrer Abwesenheit stolperte Frederick ins dunkle Wohnzimmer, kletterte auf die Couch und fand eine Position zwischen den vielen Kissen. „Ich bin so betrunken, dass ich nicht mehr richtig sehen kann“, sagte er sich, „Vielleicht gehe ich besser nach Hause und schlafe mich in meinem eigenen Bett aus.“

Viel später betrat Obesia die Küche und bemerkte Fredericks Abwesenheit. Sie ging ins Wohnzimmer, aber da war er auch nicht. Sie ließ sich auf das Sofa fallen. „Oh mein Herr, mein Bauch spielt wieder“, stöhnte sie. Sie schloss die Augen und hielt langsam den Atem an. Ihr Bauch beruhigte sich und sie schlief ein.

 

Am nächsten Morgen wurde Obesia von lauten Stimmen geweckt. Sie hörte ihnen eine Weile im Halbschlaf zu. Schließlich streckte sie Arme und Beine aus, schaffte es, vom Sofa zum nächsten Fenster zu gelangen. Sie öffnete die Fenster und Rollläden und blinzelte, schrecklich verkatert, im hellen Sonnenlicht. Eine Menge stand vor ihrem kleinen Haus und redete aufgeregt. Ein Mann löste sich aus der Gruppe. Es war ihr Nachbar Herr Gelb, der mit einem großen Glas Weißweinschorle in der Hand auf sie zukam; Weißwein gemischt mit Mineralwasser, dem traditionellen Getränk der Region. Er hatte offensichtlich schon ein paar Gläser genossen.

„Das Wassermonster ist tot! Obesia, hast du gehört?“

„Ja.“

„Ja, es wurde letzte Nacht getötet! Sie bringen nun den Körper in der Stadt herein! Kannst du dir das vorstellen?“

„Ja.“ Aufgrund der heftigen Kopfschmerzen konnte Obesia nichts anderes als einzelne Wörter aussprechen.

„Und weißt du was? Der Bürgermeister glaubt, dass es Frederick Quicksilber war, der das Monster getötet hat. Es hatte immer noch sein Messer in der Brust!“

„Oh.“

„Sag… sind du und Frederick nicht ein Paar? Weißt du wo er ist?“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Obesia, als sie das Fenster schloss und das Gespräch beendete.

Aber diese letzte Aussage stimmte nicht, wie sie herausfand als sie sich umdrehte. Dort auf dem Sofa lag Frederick Quicksilber, Held und Monstertöter. Seine Augen waren offen und starrten sie verständnislos an. Er war tot, nachdem er einige Stunden zuvor durch Erstickung gestorben war.

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Copyright 2020

ISBN 9780463703847

Coverphoto by Karsten Würth on Unsplash

Please respect all copyrighted work by this author, do not distribute or share

Any similarity with any individual, living or dead, is coincidental

 

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